Stand: 30.07.2026

Seewespe

Wiss. Name:

  • Chironex fleckeri

Englisch:

  • (Australian) Box Jellyfish
  • Marine Stinger
  • Sea Wasp

Deutsch:

  • Australische Würfelqualle
  • Seewespe

Die Nutzung des Synonyms „Würfelqualle“ bzw. „Box Jellyfish“ für Chironex fleckeri ist falsch, da es sich bei „der Würfelqualle“ nicht um eine Spezies, sondern um eine ganze Klasse handelt, zu der viele Würfelquallenarten zählen.

Chironex fleckeri (C) gautsch. CC BY-SA 2.0
All­ge­meines
und Bio­logie
Vorkommen
Vor­kom­men
Erkennen
Er­ken­nen
Verwechslungsgefahr
Ver­wechs­lung
Giftwirkung
Ver­giftung
Prävention
Prä­ven­tion
Erste Hilfe
Erste Hilfe
Professionelle Maßnahmen
Pro­fessio­nel­le
Maß­nah­men

Allgemeines und Biologie

Chironex fleckeri ist die giftigste Qualle der Welt und steht als solche auch im Guinnes Buch der Rekorde. Dort findet sich auch die Angabe, dass die Giftmenge, die in den Nesselkapseln einer einzigen ausgewachsenen Qualle enthalten ist, ausreichen würde, um 120 Menschen zu töten [1]. Angaben von bis zu 250 Menschen existieren [2], sind aber höchstwahrscheinlich übertrieben, die meisten Quellen gehen von einer Giftmenge aus, die zumindest für mehr als 60 Menschen ausreicht [3].

Es handelt sich um eine Würfelqualle (Klasse Cubozoa), deren Bezeichnung von der würfelförmigen Glocke herrührt, die sich von den für andere Klassen typischen flachen „Schirmen“ unterscheidet. Die Glocke ist transparent bis blass-blau, mit schwachen Markierungen (manchmal schädelartig wirkend). Sie kann bis ca. 20 x 30 cm groß werden. Aufgrund der durchsichtigen, gallertigen Struktur ist die Qualle im Wasser sehr schwer sichtbar [2]. Im Gegensatz zu anderen Quallenarten besitzen Würfelquallen vier sensorische Strukturen, die Rhopalia genannt werden und jeweils sechs Augen tragen. Zwei dieser sechs Augen sind echte, bilderzeugende Linsenaugen, die in mehreren Aspekten den Augen von Wirbeltieren ähneln. Die Augen sind anatomisch so konstruiert, dass sie, wie auf einem mechanischen Gimbal, unabhängig von der Körperlage (und unabhängig vom Gesehenen) vertikal stabilisiert bleiben und horizontal immer in einem 90°-Winkel zueinander ausgerichtet sind. Die Qualle hat damit auch beim Schwimmen durch Pulsieren des Schirms einen stabilen 360°-Blick nach vorne, hinten, links und rechts [4]. Ein zentrales Gehirn ist nicht vorhanden.

Die Geschwindigkeit der aktiven Fortbewegung wurde in freier Wildbahn mit durchschnittlich 212 m/h und maximal 472 m/h, entsprechend einer rechnerischen Maximalgeschwindigkeit von 13 cm pro Sekunde (Laborbedingungen: 414 m/h) gemessen [5]. Die Qualle ist also kein Hochleistungssprinter, kann aber aktiv gegen Strömungen anschwimmen. An jeder der 4 Ecken der Glocke befindet sich je ein Ausläufer (Pedalium), welcher jeweils bis zu 15 Tentakeln besitzt (insgesamt also bis 60 Tentakel). Während die Glocke ungefährlich ist, stellen die Tentakel für Mensch und Tier eine tödliche Gefahr dar. Sie können bis zu 3 m lang werden, sind aber auf ein Viertel ihrer Länge kontrahierbar. Sie sind dicht mit Nematocyten besetzt [2].

(C) Stefan Dreesen CC BY-ND 4.0

Aktivierung der Nesselkapsel (Nematocyste) eines Nematocyten (Nesselzelle) durch Berührung des Cnidocils („Sinneshaar“, roter Pfeil): Es kommt schlagartig zu einer Öffnung des Deckels (Operculum). Der Schaft wird wie ein Pfeil herausgeschleudert und durchdringt die Haut des Opfers. Im Anschluss stülpt sich der Nesselfaden von innen durch den Schaft um, dringt ins Gewebe des Opfers ein und injiziert das in der Kapsel enthaltene Gift. Der gesamte Prozess dauert typischerweise 3–10 Millisekunden (vom Reiz bis zur vollen Entladung). Die Entladung der Nesselzelle kann nicht nur durch Berührung, sondern auch durch andere chemisch-physikalische Prozesse erfolgen, in dem das Milieu bzw. der Druck in der Kapsel durch osmotische Prozesse (z.B. Süßwasser, alkoholische Desinfektionsmittel) verändert wird.

Vorkommen

Australien, vor allem an der gesamten Küste der nördlichen Landeshälfte, Great Barrier Riff, gelegentlich auch etwas weiter südlich, Indopazifik, Neuseeland, Ost-Pazifik, Papua-Neuguinea, Philippinen, Thailand, Vietnam, vermutlich auch im ganzen westlichen tropischen Pazifik verbreitet, in Tiefen von 0,5 (!) – 56 m [2], [6], [7].

Datenquelle: iNaturalist.org (Community-based, aufgeführt sind aus technischen Gründen nur die 200 aktuellsten Sichtungen.)
Hinweis: Fehlende Markierungen bedeuten nicht sicher Abwesenheit, sondern lediglich fehlende Nachweise.

Erkennen

Erkennen des Tieres

Würfelquallen sind von anderen Klassen durch die Form ihrer Glocke in der Regel gut zu unterscheiden, die Unterscheidung zwischen Arten innerhalb der Würfelquallen fällt schon schwerer. Einige Arten besitzen nur 4 Tentakel, während es für Chironex fleckeri typisch ist, an jedem der 4 Pedalia bis zu 15 weitere Tentakel zu tragen.

Erkennen der Folgen

Der Kontakt mit den Tentakeln verursacht sofort stärkste Schmerzen. Typische Merkmale sind peitschenhiebartige Spuren auf der Haut, die häufig ein typisches Muster hinterlassen, dass zumindest abschnittsweise an eine Leiter mit gefrorenen Sprossen (sog. frosted ladder pattern) oder weiße Reifenspuren erinnert [7], [8]. Ein derartiges Muster ist grundsätzlich typisch für eine Vernesselung durch größere Würfelquallen (jedoch nicht für die kleinen Irukandji-Quallen).

Skin marks from a box jellyfish sting: Frosted Ladder.
(C) ANZCOR www.anzcor.org. Used with kind permission.

Ver­wechs­lungs­möglich­keiten

Grundsätzlich ist die Chironex fleckeri mit allen anderen Würfelquallen zu verwechseln, wobei sie sich den Lebensraum mit vorwiegend ebenfalls gefährlichen Arten teilt, auch, wenn diese bei weitem nicht so tödlich sind wie C. fleckeri. Eine Ausnahme stellen die ebenfalls potenziell tödlichen Irukandji-Quallen dar, die aber aufgrund ihrer geringen Größe von wenigen Zentimetern und des erst verzögert auftretenden Schmerzes meist unentdeckt bleiben.

Würfelqualle in Indonesien, Spezies unsicher.
(C) Susanne Lochner. Mit freundlicher Genehmigung.

Vergiftung

Chironex fleckeri ist neben der Irukandji-Qualle die größte Bedrohung für Menschen an den Stränden Australiens. Da sie außerdem im Gegensatz zu ihren winzigen Verwandten deutlich besser gefangen werden kann, ist ihr Gift im Vergleich zu anderen marinen Giften relativ gut untersucht. Es handelt sich um ein Gemisch aus verschiedenen Proteinen mit jeweils unterschiedlichen Wirkungen. Zum einen scheint es eine hämolytische Komponente zu geben (Zerstörung von Blutzellen), die vor allem in experimentellen Untersuchungen zu Tragen kam, deren klinische Relevanz jedoch nicht eindeutig geklärt ist. Weiterhin ist ein dermatonekrotischer Faktor enthalten (Absterben von Hautzellen), der für die rapiden schweren Hautschäden nach Kontakt verantwortlich gemacht wird. Der Tod wird letztlich vor allem durch weitere Bestandteile des Giftes verursacht, deren genaue Wirkungsweise noch nicht genau bekannt ist. Im Tierversuch kam es zu einer Verkrampfung des Herzmuskels (Paralyse in der Systole), was funktionell einem Herzstillstand gleichkommt. Weitere Effekte auf das Herz-Kreislauf-System sind Herzrhythmusstörungen (Bradykardie, AV-Blockierungen unterschiedlichen Grades) und biphasische Blutdruckveränderungen. Es kommt zur Gefäßverengung (Vasokonstriktion) und möglicherweise zu einer Stimulation von Barorezeptoren. Ebenfalls beobachtet wurde in schweren Fällen ein Atemstillstand, dessen Ursache zentral vermutet wird. Das Giftgemisch führt zudem zu einer Kontraktion aller Muskulaturtypen (quergestreifte, glatte und Herzmuskulatur).

Die Gefährlichkeit der Qualle ist abhängig von ihrer Größe. Sehr kleine Exemplare können normal dicke Haut von Erwachsenen häufig nicht durchdringen, sind aber für Kinder gefährlich. Ab einer Größe von ca. 5-7 cm Glockendurchmesser können sie schmerzhafte lokale Hautveränderungen hervorrufen, die tagelang bestehen bleiben können. Die Tiere wachsen sehr schnell und erreichen ab ca. Faustgröße (rund 15 cm) eine für den Menschen potenziell tödliche Giftwirkung [9], [10].

Der Kontakt zu den Nesselzellen löst sofort einen extrem starken, brennenden Schmerz aus. In den ersten 15 Minuten nimmt der Schmerz in Wellen zu, selbst nachdem die Tentakel entfernt wurde. Das Opfer wird vermutlich vor Schmerzen schreien und kann irrational reagieren. Die Hautläsionen bestehen meistens aus mehreren Spuren, die von der Form an Peitschenhiebe und von der Art her an Verbrennungen erinnern. Sie sind meist 8 – 11 mm breit, entstehen dort, wo die Tentakel Hautkontakt hatten und können daher unregelmäßig und überlappend auftreten. Aufgrund der Anordnung der Nematocyten zeigt sich innerhalb dieser Linien häufig eine für einige Würfelquallen – insbesondere für Chironex fleckeri – typische Querstreifung, die an Leitersprossen oder Reifenspuren erinnert und als „frosted ladder pattern“ bezeichnet wird. Quaddelbildung setzt schnell und massiv ein. Ödeme, Rötung und Blasenbildung folgen bald, und wenn diese nach etwa 10 Tagen abklingen, bleiben Bereiche mit vollschichtiger Nekrose zurück, die unter Umständen permanente Narben mit Pigmentveränderungen hinterlassen.

Wie immer ist die Menge des in den Körper eingedrungenen Giftes entscheidend für die Schwere der Vergiftung, die bis zum Tod innerhalb weniger Minuten führen kann. Eine Gesamtlänge der durch die Tentakel verursachten Hautläsionen von 2 m wird als lebensgefährlich angesehen, bei Kindern bereits ab 70 cm. Ab 6-7 m ist der Kontakt für einen Erwachsenen fast sicher tödlich. In solchen Fällen tritt der Tod so rasch ein, dass häufig jede Hilfe zu spät kommt (2-4 min) [1], [10].

In einigen schweren Fällen kam es zu einem Bewusstseinsverlust innerhalb von Sekunden nach dem Vorfall, was hinsichtlich der Schmerzen für die Opfer als Glücksfall angesehen werden kann, die Prognose jedoch keinesfalls verbessert und eigene Gefahren birgt (Ausfall der Schutzreflexe). Der Tod tritt vermutlich primär als Folge der Kombination respiratorischer (atmungsbezogener) und kardiovaskulärer (Herz-Kreislauf bezogener) Ursachen ein. Als führend werden hierbei die Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System angesehen, welche im Tierversuch mit narkotisierten und künstlich beatmeten Schweinen in Form von schwerer Hypotonie (Blutdruckabfall), Herzrhythmusstörungen und pulmonaler Hypertonie (erhöhter Blutdruck im Lungenkreislauf) zu Tage traten. Die kardialen Wirkungen können auch ohne EKG-Veränderungen auftreten [8], [10].

In einer kleinen retrospektiven Untersuchung mit 19 Opfern kam es bei 11 zu einer verzögerten Hypersensitivitätsreaktion, die sich nach mehreren Tagen oder Wochen als juckender, roter makulopapulöser Ausschlag zeigte. Die Beschwerden waren entweder spontan oder durch Behandlung mit Antihistaminika und topischen Cortikosteroiden rückläufig [8], [10].

Trotz der generellen Gefährlichkeit sind Todesfälle – gemessen an allen Unfällen mit C. fleckeri – selten, vorbehaltlich einer Dunkelziffer, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern mit fehlenden oder ineffizienten Erfassungs- und Meldesystemen. In einem Beitrag aus dem Jahr 2019 wird von 77 Todesfällen durch Chironex fleckeri im vergangenen Jahrhundert berichtet. In Nordaustralien besteht die höchste Gefahr für eine Vergiftung durch C. fleckeri zwischen Oktober und Juni (92% aller Zwischenfälle), wobei sich fast alle Unfälle im Flachwasserbereich ereignet haben [10], [11].

Etwa die Hälfte der untersuchten Probanden in einer Studie beschrieb die Schmerzintensität als moderat, ein Viertel als stark. Ein Drittel der Patienten benötigte trotz Anwendung von Essig und kalten Eispackungen parenterale Opioid-Analgetika, und 8 % der Gestochenen mussten hospitalisiert werden [8].

Man geht davon aus, dass durch den Kontakt zu den Tentakeln maximal 10-20% der auf der Haut haften gebliebenen Nesselzellen aktiviert wurden, so dass durch die falsche Behandlung die Giftmenge verfünffacht bis verzehnfacht werden kann [2]. Es gilt als bewiesen, dass bei Würfelquallen, insbesondere bei Chironex fleckeri, die Anwendung von 4-6%iger Essigsäure, so enthalten in normalem Haushaltsessig, die Nesselkapseln inaktiviert und deren Entladung verhindert, so dass das großzügige Übergießen der betroffenen Hautareale mit Essig lebensrettend sein kann. Einmal in den Körper eingedrungenes Gift wird allerdings davon nicht beeinflusst, so dass man keine Schmerzlinderung erwarten darf.

Eine Erste-Hilfe-Maßnahme zur Inaktivierung bereits eingedrungenen Giftes ist möglicherweise die Anwendung von Hitze (z.B. Heißwassermethode), die in der Lage ist, zahlreiche marine Gifte zu denaturieren. Hierzu gibt es jedoch unterschiedliche Aussagen, die von einer guten Wirksamkeit bei 45°C bis hin zu einer erforderlichen Temperatur von 58°C reichen, welche zu hoch wäre, um gefahrlos am Menschen angewendet werden zu können [10], [12]. Eine aktuelle experimentelle Studie aus dem Jahr 2025 legt eine Wirksamkeit der Hitzeanwendung von 45°C für 20-45 Minuten nahe [12].

Prävention

Die beste Prävention ist, den Kontakt zu vermeiden. In Australien ist die sogenannte „Stinger-Season“ zwischen Oktober und Juni. Wenn Quallen gesichtet werden, kann es zu Quallenalarm und Strandsperrungen kommen. An öffentlichen Stränden werden teilweise Badebereiche durch Quallennetze abgetrennt. Es sollte ausschließlich in diesem Bereich ins Wasser gegangen werden. Neoprenanzüge und sogenannte Stingersuits schützen zuverlässig vor Vernesselungen, allerdings nur dort, wo sie die Haut bedecken. In der Regel bleiben Hände, Gesicht und Halsbereich – wo keine Schuhe bzw. Flossen getragen werden, auch die Füße – weiterhin gefährdet. Auf keinen Fall sollte man ungeschützt ins Wasser gehen, wenn dort Quallen gesichtet wurden. Kinder sind besonders gefährdet und brauchen konsequenten Schutz. Hilfreich ist es auch, sich über die am Strand verteilten Notfall-Stationen mit Essig zu informieren, um diesen im Notfall sofort holen zu können. Auch sollten die lokalen Notrufnummern bekannt sein, um rasch den Rettungsdienst informieren zu können.

An Stränden anderer Länder, wie z.B. Thailand oder auf den Philippinen, sind die Schutzvorrichtungen nicht so ausgebaut wie in Australien. Einige Ressorts in den Touristenzentren besitzen entsprechende Netze in Eigeninitiative. Je nach Land und Region können die Zeiträume des erhöhten Risikos stark differieren. Es ist ratsam, sich über die lokalen Gegebenheiten (generelle Risikomonate und aktuelle Ereignisse wie Wetter- und Strömungsphänomene) rechtzeitig zu informieren und diese Informationen auch zu berücksichtigen. Nach starken Regenfällen oder Stürmen werden Quallen oft in Buchten gespült, unabhängig vom Monat. Tentakel angespülter Quallen sind auch nach deren Tod noch gefährlich und dürfen nicht berührt werden. Insbesondere spielende Kinder sollten diesbezüglich sorgfältig beobachtet werden.

Merke: Die meisten Unfälle passieren in flacheren Strandabschnitten. Kinder sind in der Regel schwerer betroffen als Erwachsene.

Erste Hilfe

Dos
  • Bei Vernesselungen im bzw. unter Wasser sollte der Betroffene unter Beachtung des Eigenschutzes so schnell wie möglich aus dem Wasser gebracht werden. Aufgrund der zu erwartenden Panikreaktion ist ein Notaufstieg häufig unvermeidbar. Bei geringen Vernesselungen und entsprechender Selbstkontrolle sollte der reguläre Austauchvorgang unter Einhaltung der Sicherheitsstopps bevorzugt werden.
    • Diveguide über Tauchgangsabbruch informieren.
    • Bei Bootstauchgängen Boje setzen!
    • Die Schmerzen können zunächst zunehmend schlimmer werden, so dass der Austauchvorgang sofort gestartet werden muss, bevor die Schmerzen unter Umständen zur Handlungsunfähigkeit oder irrationalem Verhalten unter Wasser führen.
  • Lebensrettende Basismaßnahmen unter Beachtung des Eigenschutzes:
    • Rettungsdienst alarmieren!
    • Ist der Betroffene bewusstlos und liegt keine normale Atmung mehr vor Beginn der Herz-Lungen-Wiederbelebung.
    • Bei Bewusstlosigkeit mit normaler Atmung Stabile Seitenlage mit kontinuierlicher Überwachung der Atemfunktion.
  • Körperliche Schonung, Ruhigstellung der Extremität bzw. der betroffenen Region.

Spezifische Maßnahmen:

  • Vinegar Station in Queensland.
    (C) Kgbo, CC BY-SA 4.0
    File cropped and shrinked.
    Die wichtigste Maßnahme ist das großzügige Übergießen der betroffenen Areale für ca. 30 Sekunden mit Essig (Essigsäure 5%), der in Ländern mit einer entsprechenden Infrastruktur, z.B. Australien, an den Stränden in gut sichtbaren und zugänglichen Stationen aufbewahrt wird. Wo Essig sofort vorhanden ist, sollen auch vorhandene Tentakelreste erst mit Essig übergossen werden, bevor man sie entfernt. Hierdurch werden die noch nicht entladenen Nesselzellen, die sich entweder noch auf der Haut oder sogar noch in einem der Haut anhaftenden Tentakel befinden, inhibiert und die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Giftabgabe bei mechanischer Manipulation (Entfernen des Tentakels) deutlich gemindert.
  • Entfernung eventuell noch anhaftender Tentakelreste unter Beachtung des Eigenschutzes: Mit einem Gegenstand (idealerweise Pinzette) Tentakelreste senkrecht zur Hautoberfläche abheben, so wenig Reibung wie möglich zwischen Tentakeln und Haut erzeugen! Nach ausreichender Inaktivierung durch Essig(!) ist auch ein Entfernen mit den Fingern möglich (leichtes Kribbeln / Brennen kann noch auftreten).
  • Ggf. noch einmal Nachspülen mit Essig oder Salzwasser (kein Süßwasser!).
  • Hitzeanwendung so früh wie möglich, aber NACH Inaktivierung / Entfernung der Nesselkapseln:
    • Die Hitzeanwendung soll so früh wie möglich erfolgen.
      • Nesselkapseln werden u.a. durch Süßwasser und mechanischen Druck zur Entladung gebracht und müssen daher vor der Hitzeanwendung inaktiviert und entfernt werden.
      • Kupferglukonat, enthalten in Produkten der auf Hawaii erhältlichen Marke StingNoMore®, soll noch besser wirken als Essig [12], es mangelt aber leider an unabhängigen Studien, um dies auf wissenschaftlichem Niveau bestätigen zu können.
      • Das ebenfalls kommerziell erhältliche Präparat Stingose® (Aluminiumsulfat) war Essig unterlegen, wo kein Essig vorhanden ist, kann es aber als Ersatz zur Anwendung kommen [10].
    • Die klassische Methode ist die Heißwasseranwendung (Hot Water Immersion, HWI), bei der der betroffene Bereich für 30-90 Minuten in heißes Wasser getaucht wird. Für weitere Details und alternative Möglichkeiten hier klicken.
    • Die Temperatur ist so heiß zu wählen, wie vom Betroffenen ertragen wird, aber nicht über 45°C
      Da sich im Bereich der betroffenen Extremität Gefühlsstörungen entwickeln können und der Giftschmerz deutlich heftiger als ein Verbrennungsschmerz sein kann, soll mit einer unbetroffenen Hand oder durch einen Helfer sichergestellt werden, dass die Hitze nicht so stark ist, dass es zu Verbrennungen oder Verbrühungen kommen kann (häufigste Nebenwirkung!).
  • Bei sehr leichten Fällen scheinen auch Eispacks Linderung zu bringen [10]. Diese sollten bei schweren Verletzungen aufgrund einer potenziellen Verschlechterung aber nicht zur Anwendung kommen [12].
  • In schweren Fällen oder bei offenen Wunden ärztliche Hilfe aufsuchen, mindestens zur Reinigung der Wunde und zur Überprüfung des Tetanusschutzes.
Dont
Don'ts
  • Keine außer den o.g. Substanzen verwenden! Insbesondere:
    • KEIN Süßwasser
    • KEIN Urin
    • KEIN Alkohol / Desinfektionmittel
    • KEIN Rasierschaum
    • und ähnliches
  • Tentakelreste / anhaftende Nesselkapseln
    • NICHT mit dem Handtuch abreiben!
    • NICHT über die Haut ziehen!
    • NICHT abschaben!
  • Aussagen zur Kühlung sind widersprüchlich, daher sollte bei schweren Fällen NICHT gekühlt, sondern Hitze bevorzugt werden [10], [12]!
  • KEINE exzessive Hitzeanwendung jenseits von (nur kurz) maximal 50-60°C, insbesondere KEIN kochendes WasserKEINE heißen MetalleKEINE (Zigaretten-)­GlutNICHT „ausbrennen“!
  • Extremität nicht unnötig bewegen.
  • Keine unnötige körperliche Anstrengung!
  • Keine Anwendung der Pressure-Immobilisation-Technique.

Pro­fessio­nelle medi­zini­sche Hilfe

  • Erste-Hilfe-Maßnahmen wie oben beschrieben.
  • Schwere Fälle sollten immer auf der Intensivstation behandelt werden.
  • Das Antiserum (Box Jellyfish Antivenom) wird von der Firma CSL aus dem Plasma immunisierter Schafe hergestellt. Eine Ampulle enthält 20.000 Einheiten. Das Volumen der Ampulle kann je nach Konzentration schwanken und liegt bei ca. 1-4 ml. Es ist lebensrettend und wird zudem als wirksam bei der Linderung von Schmerzen und lokalen Gewebeschäden angesehen, sofern es frühzeitig verabreicht wird.

Indikation:

Die Gabe ist indiziert zur Behandlung von Patienten, die Anzeichen einer systemischen Vergiftung zeigen oder bei denen ausgeprägte lokale Reaktionen mit extremen Schmerzen auftreten, die nicht auf übliche Schmerztherapien ansprechen [13]. Im Einzelnen sind zu nennen [10]:

  • Bewusstlosigkeit
  • Herz-Kreislauf-Stillstand (unter laufender CPR)
  • Schock / Hypotonie
  • Herzrhythmusstörungen
  • verminderte Atmung
  • Schwierigkeiten beim Atmen, Schlucken oder Sprechen
  • Starke Schmerzen (in der Regel ist auch eine parenterale Schmerztherapie erforderlich)
  • Gefahr erheblicher Narbenbildung der Haut

Dosierung:

  • 3 Ampullen i.v. in einer Verdünnung von 1:10 mit NaCl 0,9% oder Vollelektrolytlösung (zur Volumeneinsparung notfalls 1:5 möglich).
  • Wenn die i.v.-Gabe nicht möglich ist: 3 Ampullen unverdünnt i.m. an jeweils 3 unterschiedlichen Injektionsorten, möglichst entfernt von den verletzten Bereichen.
  • Die Dosis ist für Erwachsene und Kinder gleich.

Sonstiges

  • Anaphylaktische Reaktionen auf das Antiserum sind selten, trotzdem muss der Patient mindestens 6 Stunden nach Abschluss der Gabe überwacht werden.
  • Die Behandlung einer Anaphylaxie sollte vorbereitet sein, inkl. bereits aufgezogenem Adrenalin.
  • Im Falle einer anaphylaktischen Reaktion:
    • Sofortige Unterbrechung der Infusion.
    • Behandlung der Anaphylaxie nach Standard
    • Da verzögerte Serumkrankheit nach der Verwendung von Fremdprotein auftreten kann, informieren Sie die Patienten über mögliche Symptome und fordern Sie sie auf, bei Bedarf medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
    • In seltenen Fällen kann es notwendig sein, Vergiftung und Anaphylaxie gleichzeitig zu behandeln.
  • Das BOXJELLYFISH-ANTIVENOM enthält kein antimikrobielles Konservierungsmittel. Anwendung nur an einem Patienten, Reste müssen verworfen werden [13].
  • Magnesium könnte eine wichtige ergänzende Therapie sein. Die rein prophylaktische Verabreichung von Magnesium allein konnte den durch das Gift ausgelösten Herz-Kreislauf-Kollaps bei Ratten zwar nicht verhindern, verbesserte jedoch die Wirksamkeit des Antiserums von 40% auf 100%.
  • Indometacin und Methysergid reduzierten experimentell hervorgerufene Kapillarundichtigkeit, der Stellenwert für die Praxis ist bislang unklar.
  • In der weiteren Behandlung können topische Kortikosteroide, orale Antihistaminika oder systemische Kortikoide Schwellung und Juckreiz der Hautläsionen lindern.
  • Als kontraindiziert wird die Anwendung von Calciumkanalblockern wie Verapamil angesehen [10].
  • Anaphylaktische Reaktionen auf das Gift selbst (Proteingemisch) und Sekundäreffekte (z.B. vegetativ getriggert durch Angst oder Schmerz) sollten immer mitbedacht werden.
  • Begleitverletzungen und offene Wunden können eine Wundversorgung und ggf. Tetanusschutz notwendig machen.
  • Sollte es zu einem Notaufstieg eines Tauchers gekommen sein, ist immer auch an die mögliche Entwicklung oder das Vorliegen einer DCI zu denken, immer auch bei den Mittauchern (Buddies).

Weitere Bilder

Leider sind fast keine Bilder unter einer CC-Lizenz verfügbar. Die Tiere sind aber auf den verlinkten Videos sehr gut zu sehen.

Videos

Kurzer Bericht über die hawaiianische Quallenexpertin Angel Yanagihara

Würfelquallen-Kurzportrait von ABC News Australia

Optisch gut erkennbare C. fleckeri im Flachwasser.

Entfernung von Tentakelresten.

Literatur

[1]           „Most venomous jellyfish“, Guinness World Records. Zugegriffen: 26. Februar 2026. [Online]. Verfügbar unter: https://www.guinnessworldrecords.com/world-records/70597-most-venomous-jellyfish.html

[2]           Gifttiere Ein Handbuch für Biologen, Toxikologen, Ärzte und Apotheker, 4. neu bearbeitete und Erweiterte Auflage. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2025.

[3]           U. of Sydney, „Deadly box jellyfish antidote discovered using CRISPR genome editing“. Zugegriffen: 26. Februar 2026. [Online]. Verfügbar unter: https://phys.org/news/2019-04-deadly-jellyfish-antidote-crispr-genome.html

[4]           S. Halkjær Wiisbye und A. Garm, „Unique horizontal gaze control in the box jellyfish, Tripedalia cystophora“, Vision Research, Bd. 203, S. 108159, Feb. 2023, doi: 10.1016/j.visres.2022.108159.

[5]           M. Shorten u. a., „Kinematic analysis of swimming in Australian box jellyfish, Chiropsalmus sp. and Chironex fleckeri (Cubozoa, Cnidaria: Chirodropidae)“, Journal of Zoology, Bd. 267, Nr. 4, S. 371–380, Dez. 2005, doi: 10.1017/S0952836905007600.

[6]           „Chironex fleckeri Würfelqualle, Seewespe“. Zugegriffen: 17. Februar 2026. [Online]. Verfügbar unter: https://www.meerwasser-lexikon.de/tiere/3493_Chironex_fleckeri.htm

[7]           „guideline-9-4-5-first-aid-management-of-marine-envenomation-290.pdf“. Zugegriffen: 20. Februar 2026. [Online]. Verfügbar unter: https://www.anzcor.org/assets/anzcor-guidelines/guideline-9-4-5-first-aid-management-of-marine-envenomation-290.pdf

[8]           I. Fernandez, G. Valladolid, J. Varon, und G. Sternbach, „Encounters with Venomous Sea-Life“, The Journal of Emergency Medicine, Bd. 40, Nr. 1, S. 103–112, Jan. 2011, doi: 10.1016/j.jemermed.2009.10.019.

[9]           L. Cegolon, W. C. Heymann, J. H. Lange, und G. Mastrangelo, „Jellyfish Stings and Their Management: A Review“, Mar Drugs, Bd. 11, Nr. 2, S. 523–550, Feb. 2013, doi: 10.3390/md11020523.

[10]        J. Tibballs, „Australian venomous jellyfish, envenomation syndromes, toxins and therapy“, Toxicon, Bd. 48, Nr. 7, S. 830–859, Dez. 2006, doi: 10.1016/j.toxicon.2006.07.020.

[11]        M. Piontek u. a., „The pathology of Chironex fleckeri venom and known biological mechanisms“, Toxicon X, Bd. 6, S. 100026, Feb. 2020, doi: 10.1016/j.toxcx.2020.100026.

[12]        A. A. Yanagihara u. a., „Evidence-Based Management of Box Jellyfish Stings“, Mil Med, Bd. 190, Nr. Suppl 2, S. 589–598, Sep. 2025, doi: 10.1093/milmed/usaf278.

[13]        „Box-Jellyfish-Antivenom-Product-Information.pdf“. Zugegriffen: 25. Februar 2026. [Online]. Verfügbar unter: https://labeling.seqirus.com/PI/AU/Box-Jellyfish-Antivenom/EN/Box-Jellyfish-Antivenom-Product-Information.pdf

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