Stand: 29.07.2026

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Hitzeanwendung

Viele Gifte bestehen aus Proteinen (Eiweißen) und sind hitzelabil, verändern sich also unter Einwirkung von Hitze (Denaturierung) und können dadurch in vielen Fällen unschädlich gemacht werden. Das Prinzip ist vom Hühnerei bekannt, dessen flüssiges Ei“klar“ sich durch Kochen sichtbar in festes Ei“weiß“ verwandelt. Ein weiteres Beispiel ist die in den letzten Jahren zunehmend in Mode gekommene Anwendung lokaler Hitze gegen Insektenstiche durch elektronische Thermostifte oder Aufsätze für das Handy.

Hinzu kommt, dass selbst tropische Meere an der Oberfläche selten eine Temperatur von 33°C überschreiten, tiefer unten ist es meist deutlich kühler. Evolutionär war es nie notwendig, ein hitzebeständiges Gift zu besitzen, die Zielorganismen sind im Gegenteil häufig selbst wechselwarm und damit der kühlen Umgebungstemperatur angepasst.

Im Gegensatz zu einem viel verbreiteten Fehlverständnis injizieren Tiere ihr Gift fast nie direkt in eine Vene (und wenn, dann nur im absoluten Einzelfall und durch puren Zufall), sondern ungezielt ins Gewebe. Der Abtransport aus dem Gewebe dauert eine gewisse Zeit und erfolgt primär über die Lymphe, die als Drainagesystem des Körpers verstanden werden kann. Das bedeutet, dass sich ein Großteil des Giftes, vor allem am Anfang, noch im Bereich der Injektionsstelle befindet und dort lokal inaktiviert werden kann.

Allerdings besteht auch unser Körper zu einem Großteil aus Proteinen, die wir möglichst unbeschädigt lassen wollen. Eine Hitzeanwendung soll daher unter folgenden Rahmenbedingungen stattfinden:

Dos
  • Anwendung so früh wie möglich, um den Großteil des Giftes noch an der Einstichstelle zu erreichen, bevor es sich im Körper ausbreiten kann.
  • Anwendung möglichst lokal begrenzt im Bereich der Einstichstelle bzw. des unmittelbar betroffenen Gebiets (ggf. Rötung, Schwellung um die Einstichstelle herum), ggf. an der ganzen Hand bei Stich im Handbereich, nicht jedoch automatisch am ganzen Arm.
  • So heiß wie von der betroffenen Person toleriert, jedoch nicht heißer als 45°C.
  • Da die betroffene Extremität durch Schmerzen oder Giftwirkung auf Nerven ein eingeschränktes Temperaturempfinden haben kann, sollte die betroffene Person die Temperatur mit einer gesunden Hand überprüfen. Alternativ kann eine andere Person diese Überprüfung (idealerweise ohne Unterbrechung) durchführen.
  • Als Hitzequellen kommen unter anderem folgende Optionen infrage:
    • Methode der Wahl ist die Heißwassermethode: Extremität in Schüssel mit heißem Wasser halten, insbesondere praktikable Methode bei Einstich an Hand oder Fuß. (Hot Water Immersion, HWI)
    • Fön: Auch heiße Luft ist eine Möglichkeit, birgt jedoch die Gefahr der Verbrennung, so dass die Hitzeabgabe besonders gut kontrolliert werden muss. Am Strand eher selten zu bekommen, dafür aber z.B. auf Tauchkreuzfahrtschiffen (Liveaboards).
    • Eingeschränkt geeignet: Hot-Pack / Heat-Pack: Vorgefertigte Beutel mit chemischen Substanzen, die bei Aktivierung (z.B. Mischung / Brechen des Innenbeutels) Hitze entwickeln.
      • Achtung: Auch, wenn nominal ausreichend hohe Temperaturen angegeben sind, sind doch viele Heat Packs ungeeignet, da sie die benötigte Temperatur entweder garnicht oder nicht schnell genug erreichen (z.B. durch langsame Reaktion mit der Luft). Wenn man ein Modell für den Notfall ins Erste Hilfe Set packt, sollte man es vorher auf Eignung getestet haben (Hitze sofort und ausreichend).  
    • Berichtet wurde auch über die erfolgreiche Anwendung einer heißen Kaffeetasse, die auf die Stichverletzung eines Drachenkopfs aufgesetzt wurde. Der Vorteil ist die häufig gute Verfügbarkeit im touristischen Setting. Bei Abkühlung muss natürlich nachreguliert oder auf eine andere Methode umgeschwenkt werden.
    • Schlecht geeignet: Brennende Zigarette: Diese Methode wird tatsächlich in der Fachliteratur genannt, ist aber Gegenstand zahlreicher Missverständnisse. Hierbei kann im absoluten Ausnahmefall, wenn keine bessere Hitzequelle zur Verfügung steht, nur ein einzelner Stich vorliegt und das betroffene Areal noch sehr klein ist, eine brennende Zigarette mit geringem Abstand zur Haut (!), z.B. 0,5 – 1 cm, in die Nähe der Einstichstelle gehalten werden, die Glut dient dann als Hitzequelle. Auf keinen Fall ist damit gemeint, dass die Zigarette auf die Haut aufgesetzt oder ausgedrückt wird, da dies unweigerlich zu einer Verbrennung führen würde [1].
      • Die offensichtlichen Nachteile sind die fehlende Kontrollierbarkeit der Temperatur mit Verbrennungsgefahr sowie unkontrolliert herabfallende Asche.
  • Die Hitzeanwendung soll über einen Zeitraum von 30-90 Minuten durchgeführt werden [2], [3], [4], [5], [6], [7].
  • Was außerdem zu beachten ist:
    • Süßwasser kann Nesselzellen, z.B. in Tentakeln von Quallen, auf osmotischem Weg zur Entladung bringen, so dass diese immer zuvor entfernt werden müssen. Ansonsten ist Salzwasser in der Regel besser als Süßwasser.
      • Häufig ist es sinnvoll, verbliebene Nesselkapseln vorher zu inaktivieren, bei vielen Quallenarten gelingt das mit Essig oder kommerziell erhältlichen Substanzen.
    • Verbliebe Giftstacheln bzw. Stachelreste im Gewebe können u.U. weiter Gift abgeben und sollten, wenn sie sehr klein sind (z.B. abgebrochene Flossenstrahlen von Petermännchen), rasch entfernt werden. Größere Fremdkörper, z.B. Stacheln von Stechrochen hingegen sollten belassen und umpolstert werden, da ihre Entfernung zu einer starken Blutung führen kann [2]. Manche Stacheln haben Widerhaken, die ebenfalls beim Entfernungsversuch zu Verletzungen führen können, auch hier kann die Hitzeanwendung unter Belassen des Fremdkörpers sinnvoll sein.
    • Leitungswasser enthält in manchen Regionen dieser Erde Keime, die zu einer Wundinfektion beitragen können, so dass bei offenen Wunden bzw. Stichwunden immer auch an eine ärztliche Wundversorgung nebst antibiotischer Abdeckung und Tetanusschutz gedacht werden muss.
Dont
Don'ts
  • KEINE Anwendung von kochendem Wasser! Leider hält sich dieses Gerücht in Internetforen und Kommentarbereichen hartnäckig! Kochendes Wasser führt zu schweren Verbrühungen und kann bleibende Schäden hinterlassen! (Es kann sein, dass Betroffene kochendes Wasser im Einzelfall über sich ergehen lassen, da der durch das Gift verursachte Schmerz stärker ist, als der durch die Verbrühung verursachte. Das bedeutet aber nicht, dass die Methode angebracht ist!)
  • Wunde NICHT ausbrennen!
  • KEINE Glut (z.B. Zigaretten) oder extrem heiße Oberflächen (Herdplatte, glühendes Metall) in Kontakt mit der Haut bringen!
  • KEINE Verwendung sogenannter „Wärmepflaster“ oder „Wärmecremes“ : Diese erzeugen rein chemisch ein subjektives Wärmegefühl, steigern lokal die Durchblutung (was das Einschwemmen des Giftes in den Körper verstärkt), erwärmen aber nicht aktiv und bewirken daher insgesamt eine Verschlechterung der Vergiftung.
  • Als „Temperaturschockmethode“ wird eine Methode beschrieben, bei der lokal für ca. 2 Minuten Hitze zur Denaturierung des Giftes angewendet wird, unmittelbar gefolgt von einer Eisbeutelanwendung, um die Entzündung einzudämmen. Obwohl im deutschen Sprachraum, auch in seriösen Quellen, des Öfteren zitiert, ist die Evidenz und basiert auf einer einzigen Publikation aus dem Jahre 1999, die seitdem nirgends Bestätigung fand [8]. Sie kann daher zum jetzigen Zeitpunkt nicht empfohlen werden. Zweifelhaft ist, ob 2 Minuten ausreichen, die Hitze in die Tiefe des Gewebes zu transportieren.

Literatur

[1]           D. Ä. G. Ärzteblatt Redaktion Deutsches, „Intoxikationen durch aktiv giftige Meerestiere“, Deutsches Ärzteblatt. Zugegriffen: 10. Mai 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/intoxikationen-durch-aktiv-giftige-meerestiere-55ea71f1-2b0e-4aad-8cc1-890bf796f7cc

[2]           „Guideline 9.4.7 – Envenomation – Fish Stings“, ANZCOR, 2025. Zugegriffen: 11. Mai 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://www.anzcor.org/home/first-aid-for-bites-stings-and-poisoning/guideline-9-4-7-envenomation-fish-stings/

[3]           G. Paolino, M. R. Di Nicola, I. Avella, und S. R. Mercuri, „Venomous Bites, Stings and Poisoning by European Vertebrates as an Overlooked and Emerging Medical Problem: Recognition, Clinical Aspects and Therapeutic Management“, Life (Basel), Bd. 13, Nr. 6, S. 1228, Mai 2023, doi: 10.3390/life13061228.

[4]           N. Schürer, D. Mebs, und A. Montag, „Aquatische Dermatologie: Gifttiere“, in Braun-Falco’s Dermatologie, Venerologie und Allergologie, G. Plewig, T. Ruzicka, R. Kaufmann, und M. Hertl, Hrsg., Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg, 2018, S. 811–820. doi: 10.1007/978-3-662-49544-5_47.

[5]           D. Mebs, Gifttiere: ein Handbuch für Biologen, Toxikologen, Ärzte und Apotheker: mit 511 meist vierfarbigen Abbildungen, und 35 Formelzeichnungen, 3., neu Bearbeitete und Erweiterte Auflage. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2010.

[6]           R. Marinowitz, G. Schulze, und A. Schaper, „Intoxikationen durch Meerestiere“, in DGIM Innere Medizin, H. Lehnert, E. Märker-Hermann, N. Marx, und S. M. Meyhöfer, Hrsg., in Springer Reference Medizin. , Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg, 2023, S. 1–11. doi: 10.1007/978-3-642-54676-1_438-2.

[7]           P. König und A. Lipp, Lehrbuch für Forschungstaucher. Universität Hamburg, 2007. Zugegriffen: 7. September 2024. [Online]. Verfügbar unter: https://www.ifm.uni-hamburg.de/education/diver/documents-diver/ft-book/kap9-verletzungen-vergiftungen-meerestiere.pdf

[8]           de Haro L, Prost N, Arditti J, David J-M, Valli M, „Efficacité du ‚choc thermique‘ dans le traitement des envenimations par vives et rascasses: expérience du Centre Antipoison de Marseille au cours de l´été 1999“, JEUR, Bd. 14, S. 171–173, 2001.

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