Stand: 29.07.2026

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Tauchunfall

Hintergrund

Grundsätzlich unterscheidet man „Unfälle beim Tauchen“ von echten „Tauchunfällen“. Die erstgenannte Gruppe beinhaltet Unfälle, die auch unabhängig vom Tauchen hätten passieren können, wie z.B. das Ausrutschen auf glitschigem Untergrund beim Ein- oder Ausstieg, das Hängenbleiben mit dem Fuß in einer Bootsleiter bis hin zu teils lebensbedrohlichen Verletzungen durch Meeresbewohner oder Schiffschrauben. Hierbei handelt es sich um Verletzungsmuster, die nach den allgemeinen Grundsätzen der Ersten Hilfe bzw. Notfallmedizin behandelt werden können und auf die an dieser Stelle nicht gesondert eingegangen wird.

Ein „Tauchunfall“ im engeren Sinn hingegen ist ein potenziell lebensbedrohliches oder gesundheitsschädigendes Ereignis, das durch Abfall des Umgebungsdruckes beim Tauchen oder aus sonstiger hyperbarer Atmosphäre mit und ohne Tauchgerät hervorgerufen wird [1].

Der Oberbegriff ist DCI, was je nach Literaturquelle für Decompression Illness, Decompression Injury oder Decompression Incident stehen kann, im Grunde aber immer dasselbe meint. Es umfasst die beiden Entitäten DCS (Decompression Sickness = Taucher- oder Caisson-Krankheit) und die arterielle Gasembolie (AGE), die aus dem DCS entstehen kann, aber auch unabhängig von diesem.

Rettungsübung im Tauchverein
(C) Stefan Dreesen
Abb 1: Systematik der Tauchunfälle, Abkürzungen im Text erläutert.

DCS (Decompression Sickness)

In Abhängigkeit vom Umgebungsdruck und der unter diesem Druck verbrachten Zeit (beim Tauchen in größerer Tiefe) löst sich immer mehr Stickstoff physikalisch im Blut, später auch in verschiedenen Geweben, wobei sich unterschiedliche Gewebe unterschiedlich schnell aufsättigen. Nimmt der Druck wieder ab (beim Auftauchen), nimmt auch die Löslichkeit des Stickstoffs ab, was bei einem zu schnellen Druckabfall dazu führt, dass der zuvor noch physikalisch gelöste Stickstoff im Blut bzw. Gewebe in Form von Gasbläschen wieder ausperlt. Man spricht auch vom „Sprudelflascheneffekt“, da auch beim Öffnen einer Sprudelflasche der darin enthaltene Druck schlagartig entweicht und dadurch gelöstes Gas (im Falle des Sprudels Kohlendioxid im Gegensatz zum Stickstoff beim Taucher) ausperlt. Stickstoff wird als „Inertgas“ bezeichnet, wobei der Begriff „inert“ bedeutet, dass das Gas – im Gegensatz z.B. zu Sauerstoff – nicht verstoffwechselt wird. Da die Atemluft zu rund 78% aus Stickstoff besteht, ist dieses Gas im Alltag am bedeutsamsten. Das Gas perlt zunächst in den Venen aus, da dort ein niedrigerer Druck herrscht als in den Arterien. Es wird zum Herzen transportiert und gelangt von dort normalerweise in den Lungenkreislauf. Kleine Mengen Gasblasen werden von der Lunge herausgefiltert und abgeatmet (Stichwort: „Lungenfilter“).  Größere Gasblasen oder Blasen im Gewebe stellen jedoch ein Problem dar. Besonders gefürchtet ist das Ausperlen von Gasblasen im Nervengewebe (Gehirn und Rückenmark), da es zu schweren, und bleibenden neurologischen Schäden führen kann.

Als Shunt bezeichnet man im Zusammenhang mit Tauchunfällen eine Verbindung zwischen der rechten Herzhälfte, die das Blut in den Lungenkreislauf pumpt und der linken Herzhälfte, die das Blut in den großen Körperkreislauf pumpt. Die bekannteste Shuntform hierbei ist das persistierende Foramen ovale (PFO), eine Öffnung in der Herzscheidewand, die aus dem Embryonalkreislauf übriggeblieben ist, als die Sauerstoffversorgung des Körpers durch die Mutter über die Nabelschnur erfolgte. Das PFO verschließt sich in der Regel nach der Geburt, ist aber bei ca. einem Viertel der Bevölkerung nicht verwachsen, sondern funktioniert eher wie ein Ventil. So lange sich in der linken Herzhälfte ein höherer Druck befindet als in der rechten (Normalfall), ist es verschlossen. Kehren sich die Druckverhältnisse um, kann es sich kurz öffnen, wobei eventuell vorhandene Gasblasen aus der rechten in die linke Herzhälfte und von dort aus unter Umgehung des „Lungenfilters“ auch in den Körperkreislauf gelangen können. Das passiert typischerweise beim Pressen, z.B. bei körperlicher Anstrengung (Erklimmen der Bootsleiter in voller Montur, anstrengender Rückweg vom Tauchplatz) aber auch z.B. beim Husten oder Niesen. Gasblasen im arteriellen System können in verschiedene Organe transportiert werden, dort kleine Gefäße verstopfen und zu einer Durchblutungsstörung führen, die das Organ schädigen kann. Man spricht dann von einer arteriellen Gasembolie.

AGE (Arterielle Gasembolie)

Die arterielle Gasembolie kann nicht nur, wie zuvor beschrieben, aus einem DCS entstehen, sondern auch durch andere Mechanismen. Beim Tauchen ist das typischerweise eine Zerreißung des Lungengewebes durch Überdehnung, wodurch Luft aus den Bronchien in die begleitenden Gefäße gelangen kann und zum Herzen transportiert wird. Von dort aus erfolgt die Einschwemmung ins arterielle Gefäßsystem des Körperkreislaufs. Je weiter entfernt vom Herzen sich die Arterien befinden, umso kleiner wird der Durchmesser. Die Gasblasen können sich irgendwann festsetzen und zu einer Durchblutungsstörung in dem betroffenen Gebiet führen. Gefürchtet ist auch hier besonders die zentrale Gasembolie (cAGE), die unter anderem einen Schlaganfall (cAGE im Gehirn) oder eine Querschnittslähmung (cAGE im Rückenmark) verursachen kann.

Pneumothorax

Pneumothorax und SpannungspneumothoraxKommt es zu einem Lungenriss, z.B. durch Überdehnung der Lunge beim Auftauchen mit geschlossenen Atemwegen, kann Luft aus der Lunge in die sog. Pleurahöhle zwischen Lunge und Brustkorb, gelangen. Man spricht bei einer Luftansammlung in der Pleurahöhle von einem Pneumothorax (gr. etwa „Luft im Brustkorb)“. Das Gefährliche dabei ist, dass das Volumen der Luft durch zwei Mechanismen weiter zunehmen kann: Zum einen kann sich ein sogenannter Ventilmechanismus entwickeln, so dass Luft beim Einatmen zwar weiter in den Pleuraspalt gelangt, jedoch nicht wieder über die Atemwege ausgeatmet werden kann. Der zweite Mechanismus ist tauchspezifisch: Nach dem Gesetz von Boyle und Mariotte nimmt das einmal in der Pleurahöhle befindliche Volumen beim Auftauchen unweigerlich zu.

Die Zunahme des Luftvolumens führt gleichzeitig zu einem erhöhten Druck auf der betroffenen Seite und damit auch auf das Mittelfell (Mediastinum), in dem sich das Herz und die größten Gefäße befinden (sog. Spanungspneumothorax). Es kann zu einer Verschiebung und Kompression von Herz und großen Hohlvenen kommen und damit zu einer lebensbedrohlichen Störung des Kreislaufs. Zudem kommt es zu einem Kollaps der Lunge auf der betroffenen Seite und hierüber zusätzlich zu einer Störung der Atmung.

Denkbar ist aber nicht nur eine Verletzung der Lunge an ihrer Oberfläche, sondern auch in der Nähe großer Blutgefäße. Eine solche Verletzung könnte zum Einschwemmen größerer Luftmengen in den Kreislauf führen und ebenfalls eine AGE auslösen.

Therapieprinzipien

Die wichtigsten Maßnahmen sind: Sauerstoff und Volumen (Flüssigkeitsgabe).

Sauerstoffgabe

Die Gasblasen bestehen zum Großteil aus Stickstoff, der nicht verstoffwechselt werden kann. Durch die Gabe von möglichst viel Sauerstoff entsteht ein Konzentrationsgefälle, das den Stickstoff aus den Blasen in Richtung des Sauerstoffs treibt. Die Blasen werden kleiner, der Stickstoff kann leichter abgeatmet werden. Probleme, die durch Sauerstoffmangel generell (z.B. Pneumothorax) oder im Bereich von durch Gasblasen mit Blut bzw. Sauerstoff unterversorgten Arealen (AGE, DCS) entstehen, können hierdurch allesamt positiv beeinflusst werden.

Hierbei gilt: Keinen Sauerstoff sparen: So früh wie möglich mit so viel wie möglich behandeln, im Idealfall erfolgt unverzüglich die Gabe von reinem Sauerstoff.

Häufig wird die Frage gestellt, ob Sauerstoff schädlich sein kann. Wenn Menschen eine chronische Erkrankung haben, die zu einer dauerhaft erhöhten Konzentration von Kohlendioxid im Blut führt, kommt es zu einer Umstellung des Atemzentrums. Während es bei Gesunden primär auf einen erhöhten Kohlendioxid-Partialdruck (pCO2) reagiert, reagiert dieses bei solchen Patienten auf Sauerstoff. Unter diesen Bedingungen kann der Sauerstoff das Atemzentrum dämpfen und zu einer zu geringen Atmung oder gar einem Atemstillstand führen. Aber: Mit derartigen Erkrankungen ist man grundsätzlich nicht tauchtauglich, so dass es bei einem Tauchunfall grundsätzlich KEINE Einschränkungen für die Gabe von Sauerstoff unter normobaren Bedingungen (auf Meereshöhe) gibt. Die Sauerstoffgabe durch medizinische Laien beim Tauchunfall wird grundsätzlich als rechtlich unproblematisch und indiziert angesehen [2].

Volumen (Flüssigkeit)

Wenn der Mediziner davon spricht, dem Kreislauf möglichst viel Flüssigkeit zuzuführen, spricht er von „Volumen“. Dies wird in der Regel in Form von Infusionen über eine Vene verabreicht, was aber in den meisten Erste-Hilfe-Situationen nicht möglich ist. Eine Alternative ist, den Betroffenen möglichst viel Wasser trinken zu lassen.

Volumen hat im Wesentlichen 2 Effekte:

Die Konzentration des im Blut gelösten Gases wird schlichtweg durch Verdünnung herabgesetzt, wodurch weniger Gas ausperlt. Der zweite Effekt kommt beim Spannungspneumothorax zum Tragen: Hier werden vor allem die großen zum Herzen führenden Venen beeinträchtigt. Je mehr Volumen im Gefäßsystem ist, umso besser kann das Gefäßsystem einen „Gegendruck“ aufrechterhalten.

Während professionelle Helfer über einen intravenösen Zugang Infusionslösung geben können, bleib Ersthelfern lediglich die Option, die betroffene Person Wasser trinken zu lassen. Sollte es jedoch zu Bewusstseinsstörungen kommen, kann ein voller Magen eigene Probleme darstellen, da das Wasser bei Bewusstlosen durch die Speiseröhre zurückfließen und über den Rachenraum in die Lunge gelangen kann. Dementsprechend sollte man nur Wasser verabreichen, wenn der Patient wach ist, nicht schläfrig ist / eintrübt und auch keine neurologischen Ausfälle (Lähmungen) im Bereich Mund, Zunge, Schluckmuskuklatur aufweist.

Dos
  • Betroffenen beruhigen und ruhig lagern (flach oder mit leicht erhöhtem Oberkörper).
    • Im Falle einer Bewusstlosigkeit stabile Seitenlage, sofern keine Rückenlagerung zur Durchführung der Reanimation erforderlich ist.
  • Wenn vorhanden Sauerstoffgabe
    • so früh wie möglich und
    • in der höchstmöglichen Dosis.
    • Im Falle einer Druckkammerbehandlung nach Möglichkeit durchgehend bis zum Beginn der Druckkammerbehandlung.
  • Neurocheck anhand einschlägiger Checklisten (z.B. DAN, VDST) durchführen und Ergebnis dokumentieren.
    • Sofern wach und keine Schluckstörung: Trinken lassen 0,5 – 1 Liter pro Stunde, kohlensäurefreie, isotonische Getränke oder Wasser.
  • In schweren Fällen Rettungsdienst verständigen.
  • Taucherhotline anrufen, bevorzugt dort, wo der Betroffene Mitglied bzw. versichert ist. Die gängigsten Organisationen sind:
  • In schweren Fällen Druckkammerbehandlung (in Absprache mit Hotline und medizinischem Team vor Ort).
  • Schutz vor Auskühlung und Überhitzung.
  • Immer auch an Tauchpartner denken, da häufig gleiches Tauchprofil!
Dont
Don'ts
  • KEINEN Sauerstoff sparen, um länger damit auszukommen.
  • Das Opfer soll sich NICHT anstrengen oder viel bewegen!
  • KEINE Kopftieflagerung.
  • Bewusstlosen oder zunehmend eintrübenden Opfern kein Wasser einflößen.
  • Keine „nasse Rekompression“ (unter nasser Rekompression wird der Versuch bezeichnet, eine Person mit DCI im Wasser wieder auf Tiefe zu bringen, um den Effekt einer Druckkammerbehandlung zu imitieren, das kann jedoch tödliche Folgen haben.)
  • Rapide Temperaturveränderungen (z.B. heiße Dusche) vermeiden. Ausnahme: Lokal begrenzte Hitzeanwendung bei gefährlichen Vergiftungen.

Literatur

[1]           B. Jüttner u. a., „S2k guideline for diving accidents“, GMS Ger. Med. Sci., Bd. 21, 2023, doi: 10.3205/000315.

[2]           Hubertus Bartmann und Nicole Kreutz, „Sauerstoffgabe durch Laien? Was nach einem Tauchunfall gilt“, Wetnotes, Nr. 59, S. 72–73, März 2026.

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