Stand: 29.07.2026

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Pressure Immobilisation Technique (PIT)

Hintergrund

Bisse oder Stiche von giftigen Tieren sind nicht zu vergleichen mit einer Injektion im medizinischen Sinne. In der Medizin wird gezielt nach einer Vene gesucht und in diese hinein das Medikament appliziert. Durch den Blutstrom gelangt dieses in Sekundenschnelle zum Herzen und wird von dort in den gesamten Körper verteilt. Bei Bissen und Stichen ist der Ort und die Tiefe jedoch mehr oder weniger dem Zufall überlassen, meist sind die Extremitäten betroffen. Dass das Gift direkt in eine Vene gelangt, ist nicht ausgeschlossen, aber sehr unwahrscheinlich. In der Regel landet das Gift im Gewebe, also z.B. im Unterhautfettgewebe oder in einem Muskel. Für den Abtransport von Flüssigkeiten aus dem Gewebe sind die Lymphgefäße zuständig. Sie wirken wie eine Drainage. Bei jeder Muskelkontraktion wird Druck auf die umliegenden Gefäße ausgeübt, wodurch der Lymphfluss in Richtung Herz angeregt wird. Das ist einer der Gründe, warum körperliche Ruhe und Schonung nach einem giftigen Biss oder Stich so wichtig sind. Die betroffene Extremität muss immobilisiert (=ruhiggestellt) werden. Wenn die Lymphgefäße zudem langstreckig und längerfristig komprimiert werden, sind sie nicht mehr in der Lage, neue Gewebsflüssigkeit aufzunehmen und zu transportieren, das Gift bleibt dann länger im Wundbereich und gelangt nicht bzw. deutlich langsamer zum Herzen und damit in den restlichen Körper.

Bei der Pressure Immobilisation Technique wird durch stramm angelegte Verbände genau das erreicht. Dementsprechend ist sie aber auch nicht für alle Vergiftungen geeignet. Beispielsweise darf sie nicht bei Vernesselungen durch Quallen o.ä. angewendet werden, da sich auf der Haut immer noch unentladene Nesselkapseln befinden, die durch die mechanische Reizung nur noch mehr Gift in den Körper abgeben würden. Auch Gifte, die zu starken Schwellungen führen, können nicht mit der PIT behandelt werden, da die zunehmende Schwellung unter dem straff angelegten Verband dann auch den Blutfluss behindern kann und die Extremität im schlimmsten Fall  abstirbt.

Einige Gifte verlieren ihre Wirksamkeit, wenn sie längere Zeit an der Eintrittsstelle gefangen sind, da sie relativ rasch zerfallen.

Anwendung

Die Pressure Immobilisation Technique wurde in Australien erfunden. Die folgenden Angaben entstammen den Leitlinien des australischen und neuseeländischen Wiederbelebungsrates (ANZCOR) [1]:

Die Pressure Immobilisation Technique (PIT) wird für die Behandlung von Bissen und Stichen folgender Tiere empfohlen:

  • Alle australischen Giftschlangen, einschließlich Seeschlangen (Sea Snakes) [Klasse A; Evidenzlevel III]
  • Trichternetzspinne (Funnel Web Spider) [Klasse A; Evidenzlevel IV]
  • Blauringkraken (Blue-ringed Octopus) [Klasse B; Expertenkonsens]
  • Kegelschnecke (Cone snail) [Klasse B; Expertenkonsens]
Seeschlangen - (C) S. Dreesen
Blauringkraken - (C) Susanne Lochner, m. freundl. Genehmigung
Kegelschnecken - (C) Kai Squires CC BY 4.0

Für welche Vergiftungen die Pressure Immobilisation Technique NICHT für die Erste-Hilfe-Behandlung empfohlen wird:

  • NICHT bei anderen als den oben genannten Spinnenbissen, einschließlich des Rotrückens
  • NICHT bei Vernesselungen, z.B. durch Quallen
  • NICHT bei Fischstichen, einschließlich dem Stich eines Steinfischs
  • NICHT bei Stichen von Skorpionen, Hundertfüßern oder Käfern.

Pressure Immobilisation Technique (PIT) – Anwendung bei einem Biss oder Stich an einer Extremität

  • Eine breite Druckbandage so schnell wie möglich im Bereich der Bissstelle anlegen. Elastische Bandagen (10–15 cm breit) werden gegenüber Kreppbandagen bevorzugt. Falls keine Bandage verfügbar ist, können Kleidungsstücke oder andere Materialien verwendet werden. 
  • Die Bandage sollte fest und straff sitzen – ein Finger sollte nicht leicht zwischen Bandage und Haut geschoben werden können. (Anmerkung: Im Internet häufig falsch dargestellt.) Die arterielle Durchblutung muss jedoch erhalten sein (Puls an Hand- oder Fußgelenk noch tastbar)!
Straffe Bandage im Bereich der Verletzung. (C) Stefan Dreesen
  • Um den Lymphfluss weiter einzuschränken und die Immobilisation der Extremität zu unterstützen, eine zusätzliche Druckbandage anlegen. Diese sollte an den Fingern oder Zehen der betroffenen Gliedmaße beginnen und nach oben verlaufen, wobei möglichst viel der Extremität bedeckt wird. 
Kompressionsverband der gesamten Extremität von distal (Finger / Zehen) nach Proximal (Rumpf). (C) Stefan Dreesen
  • Es ist wichtig, die betroffene Extremität und das Opfer so wenig wie möglich zu bewegen. Falls möglich, soll daher die die Bandage über der vorhandenen Kleidung angelegt werden, ohne diese auszuziehen. Ziel ist es, den Lymphfluss weiter einzuschränken und die Immobilisation zu unterstützen. (Alternativ kann eine einzelne Bandage verwendet werden, die sowohl Druck auf die Bissstelle als auch Immobilisation der Extremität gewährleistet. In diesem Fall wird die Bandage zunächst an den Fingern oder Zehen angelegt und dann so weit wie möglich nach oben geführt, einschließlich der Bissstelle).
    • DiveTox-Anmerkung: Bei Neoprenanzügen muss bedacht werden, dass diese ebenfalls weich und elastisch sind, so dass die Bandage möglicherweise kräftiger angezogen werden muss. Im Zweifel oder wenn die Bandage auf dem Neopren nicht hält UND wenn verzögerungsfrei(!) möglich, ist ein Freischneiden der Extremität zu erwägen.
Bandage über der Kleidung anlegen, um die Extremität nicht unnötig beim Ausziehversuch zu bewegen. (C) Stefan Dreesen

Zusätzliche Maßnahmen zur Immobilisation

  • Die betroffene Gliedmaße mit einer Schiene stabilisieren, wobei auch die angrenzenden Gelenke einbezogen werden, um Bewegungen zu verhindern. Das Schienenmaterial kann unter die Bandagenschichten integriert werden.
Kompromisslösung, wenn kein Schienungsmaterial verfügbar ist.
(C) Stefan Dreesen
  • Bei einem Biss an der oberen Extremität sollte zusätzlich eine Armschlinge verwendet werden. 
Armschlinge bei Verletzung im Arm- / Handbereich. (C) Stefan Dreesen

Verhalten nach der Erstversorgung

  • Das Opfer und die betroffene Gliedmaße vollständig ruhig halten.
  • Wenn möglich, den Transport (z.B. Rettungswagen, Boot, Hubschrauber) zum Opfer bringen. (Opfer soll möglichst nicht laufen / sich nicht anstrengen.)
  • Den Verletzten schnellstmöglich in medizinische Versorgung bringen, vorzugsweise mit einem Rettungswagen oder -helicopter.
  • Falls die betroffene Person allein ist
    • sollte sie die Druck-Immobilisationsbandage so vollständig wie möglich über der Bissstelle und der betroffenen Gliedmaße anlegen. Sie sollte danach bewegungslos bleiben, bis angeforderte Hilfe eintrifft.
    • Falls keine schnelle Hilfe erreichbar ist, sollte lokal Druck auf die Bissstelle ausgeübt werden. Eine vollständige Immobilisation ist in diesem Fall kontraindiziert, und die betroffene Person sollte sich selbst zur nächsten medizinischen Versorgung begeben.
  • Die Bandagen oder Schienen nicht vor einer Untersuchung in einer geeigneten Krankenhausumgebung entfernen.

Besondere Fälle

  • Wenn der Biss nicht an einer Extremität liegt, kann direkter fester Druck auf die Bissstelle hilfreich sein.

 

  • Keinesfalls die Atmung oder Brustbewegungen einschränken.
  • Keinen zu festen Druck auf den Hals oder Kopf ausüben (Verletzungsgefahr).  
Direkte manuelle Kompression der betroffenen Stelle
(C) Stefan Dreesen

Wichtige Hinweise

  • Nicht die Bissstelle aufschneiden oder ausschneiden.
  • Nicht versuchen, das Gift aus der Wunde zu saugen.
  • Nicht die Bissstelle waschen.
  • Kein arterielles Tourniquet (Abbinden der Extremität) anwenden. Diese Maßnahme ist potenziell gefährlich und wird für keinen Biss oder Stich in Australien empfohlen.
    • DiveTox-Anmerkung: Das Tourniquet ist eine lebensrettende Maßnahme bei starken, unstillbaren, arteriellen Blutungen, z.B. nach schwerer Verletzung einer Extremität durch Raubfisch oder Schiffschraube. Es ist also nicht generell gefährlich, es wird nur nicht bei Vergiftungen empfohlen.

Literatur

[1]           „Guideline 9.4.8 – Envenomation – Pressure Immobilisation Technique“, Your Site Name. Zugegriffen: 2. Februar 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://www.anzcor.org/home/first-aid-for-bites-stings-and-poisoning/guideline-9-4-8-envenomation-pressure-immobilisation-technique/

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